Auf der VivaTech Konferenz 2026, Vincent Luciani, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von Artefact, trat bei Thomas Benzazon, Mitbegründer von FeuilleBlanche, im Podcast „40 Nuances de Next“. Das Ziel: die tatsächlichen Herausforderungen für Unternehmen – vom Kostenmanagement bis hin zur Souveränität – zu entschlüsseln, um KI in greifbaren wirtschaftlichen Mehrwert umzuwandeln.

Von individuellen Erfolgen zum kollektiven ROI: Die große Kluft

Ein wesentliches Paradoxon bestimmt derzeit die Art und Weise, wie Unternehmen den Nutzen der KI erschließen:

  • Auf individueller Ebene, insbesondere in technischen Teams, sind die Produktivitätssteigerungen enorm: Sie liegen in der Regel zwischen dem Zweifachen und dem Dreifachen und können bei bestimmten Aufgaben sogar auf das Achtfache ansteigen.
  • Auf kollektiver Ebene (unternehmensweit) wird dieser Gewinn verwässert, sodass sich im Durchschnitt ein Wert von etwa 30% ergibt.

Diese Lücke besteht, weil das Tempo der technologischen Entwicklung die Anpassungsfähigkeit von Unternehmensstrukturen überholt hat. Es reicht nicht mehr aus, KI einfach in eine bestehende Organisation zu integrieren, ohne die Arbeitsabläufe anzupassen. Selbst wenn ein Callcenter oder ein Backoffice seine Verarbeitungskapazität rein mechanisch steigert, führt eine lokalisierte operativer ROI führt nicht automatisch zu einem unternehmensweiten finanziellen Nutzen.

Für große Unternehmen besteht die Herausforderung darin, über einfache Kosteneinsparungen hinauszugehen und stattdessen zusätzliche Einnahmen. Im Gegensatz dazu unterliegen Scale-ups einer wesentlich unmittelbareren Dynamik. Diese agilen Strukturen nutzen KI zur Automatisierung der Kundenbeziehungen, wodurch sie ihr Wachstum vorantreiben können, ohne die Zahl der Vertriebsmitarbeiter entsprechend erhöhen zu müssen, und so frühzeitig Skaleneffekte erzielen.

Der Weckruf aus dem Silicon Valley: Vom “Token Maxing” zur “Harness”-Ära

Die aktuelle Marktdynamik im Bereich der künstlichen Intelligenz dreht sich um zwei wesentliche wirtschaftliche Gegebenheiten:

1. Der Rebound-Effekt der Inferenzkosten

Bei gleichbleibender Leistung ist der Preis pro Token in den letzten 18 Monaten um das 200-Fache eingebrochen. Dieser historische Kostenrückgang hat jedoch zu einer exponentiellen Zunahme des Volumens geführt. Die Nutzeranfragen werden immer zahlreicher, die Nutzerbasis wächst, und die Einführung von Agentenbasierte Architekturen führt zu einem Anstieg des Verbrauchs an IT-Infrastruktur.

2. Das Mandat zur Kontrolle (Das Geschirr)

Unternehmen wenden sich von der Denkweise des “Token-Maxing” ab und treten in eine Ära strenger Budgetkontrolle und Governance (das „Harness“) ein.

Die operativen Risiken, die mit dem Betrieb ohne Sicherheitsvorkehrungen einhergehen, sind real. Vincent Luciani verweist auf einen Kunden, dem unerwartet eine Rechnung in Höhe von $150.000 in Rechnung gestellt wurde, nachdem er ein autonomer Akteur die über Nacht in einer unbeaufsichtigten Schleife läuft. Um solche finanziellen Fehltritte zu vermeiden, ist die Einführung strenger Kontrollmechanismen unerlässlich: Unternehmen müssen die Zuverlässigkeit der Modelle bewerten, technische Abweichungen im Zeitverlauf nachverfolgen, die Infrastrukturkosten überwachen und die Zugriffsrechte sorgfältig festlegen.

Neugestaltung von Arbeitsplätzen: Das Beispiel des Gesundheitswesens

Befürchtungen vor Massenentlassungen aufgrund von Automatisierung werden häufig durch eine historische Perspektive relativiert. Technologische Revolutionen der Vergangenheit führten zu Produktivitätssteigerungen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärkten, das Wachstum ankurbelten und letztlich die Beschäftigung förderten. In der Praxis kommt es nach wie vor selten zu einem direkten Verlust von Arbeitsplätzen; die eigentliche Veränderung liegt in der Art der Aufgaben selbst.

Der Gesundheitssektor veranschaulicht dies besonders gut Dynamik der Erweiterung. Sowohl in Krankenhäusern als auch in Privatpraxen ist die administrative Kodierung von Zehntausenden von Maßnahmen im Anschluss an Konsultationen äußerst zeitaufwendig. Durch die Automatisierung dieser Prozesse kann ein Arzt täglich mehrere Stunden einsparen.

Diese gewonnene Zeit wird nun für die zwischenmenschliche Interaktion und die klinische Analyse der Symptome genutzt. Die Grenze für die Delegation ist hier glasklar:

“Sensible, persönliche oder emotionale Anfragen müssen von einem Menschen bearbeitet werden, denn Emotionen muss man mit Emotionen begegnen”, so Vincent Luciani, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von Artefact

Dieses Prinzip der Wertschöpfung zeigt sich auch in technischen Berufen: Die Zahl der aktiven Entwickler und Radiologen war noch nie so hoch wie seitdem KI in ihre Arbeitsabläufe integriert wurde.

Horizontal vs. vertikal: Die Wertanalyse

Wenn es darum geht, Unternehmensdaten (data) zu verwalten und daraus Wert zu schöpfen, erfolgt der Aufbau eines nachhaltigen Wettbewerbsvorteils auf zwei unterschiedlichen Ebenen:

  • Horizontale KI (Schnittstellenoptimierung): Bislang war Software-Intelligenz auf funktionale Silos beschränkt (Vertrieb im CRM, Marketing in speziellen Tools, Finanzen im ERP). Der Mehrwert liegt nun darin, diese Systeme horizontal miteinander zu vernetzen, um die data-Abläufe zu vereinheitlichen.
  • Vertikale KI (Branchenexpertise): Die Innovationen mit dem größten Differenzierungspotenzial liegen in der branchenspezifischen Spezialisierung. Genau in diesem Segment kann das europäische Ökosystem einen Wettbewerbsvorteil aufbauen, da diese Lösungen sich den einfachen Gesetzen der Skaleneffekte entziehen, die für generische Modelle charakteristisch sind.

Letztendlich hängt die Tragfähigkeit von Unternehmensstrategien im Zeitalter der KI nicht davon ab, sich technologisch an Modellen von Drittanbietern auszurichten. Vielmehr beruht sie auf der Fähigkeit der Unternehmensführung, das eigene Kerngeschäft zu vertikalisieren und gleichzeitig ein strenges Kontrollsystem für Kosten und Entscheidungen zu etablieren.

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