Warum der nächste Kampf um die Marktführerschaft vor den Augen von Agenten und nicht vor Menschen ausgetragen wird.
Innerhalb weniger Jahre hat sich generative KI von einer Neuheit zum Standard entwickelt. Große Sprachmodelle (LLMs) ziehen bereits fast 45 Milliarden Besuche pro Monat, was einem Suchvolumen von 56% bei herkömmlichen Suchmaschinen entspricht, das sich seit Jahren auf einem konstanten Niveau bewegt. Doch die Zahl, die die Aufmerksamkeit jeder Führungskraft auf sich ziehen sollte, ist nicht die Höhe des audience, sondern das dahinterstehende Verhalten. Eine durchschnittliche LLM-Sitzung dauert mittlerweile sechs bis acht Minuten, was einem Anstieg von 34% im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Während eine Google-Suche eine Transaktion war, baut ein Gespräch mit einem KI-Agenten eine Beziehung auf.
Kunden kaufen kein Produkt mehr; sie beauftragen ein Ergebnis
Dieser Wandel verändert das Wesen des Kaufvorgangs grundlegend. Niemand kauft eine Bohrmaschine; man kauft ein Loch in der Wand. Gestern fragte ein Kunde: “Welchen Bohrer soll ich kaufen?” Morgen wird er sagen: “Ich muss bis Samstag ein Bild aufhängen, was soll ich tun?”, und der Berater wird den Bohrer, den Verkäufer und den Preis auswählen.
Zwanzig Jahre lang war der Verkäufer im Geschäft der Vermittler zwischen Marke und Kunde, danach waren es die Suchmaschinenplatzierungen (SEO/SEA). Morgen wird dieser Vermittler ein KI-Agent sein. Es stellt sich also die Frage: Möchten Sie, dass er sich für Sie entscheidet? Es steht viel auf dem Spiel, und KI ist längst kein Randthema mehr: Innerhalb nur eines Jahres ist der KI-getriebene Traffic auf Einzelhandels-Websites um fast 400% gestiegen und hat sich von einem Nachzügler unter den Akquisitionskanälen zu einem Kanal entwickelt, der alle anderen übertrifft.
Ihre Sicht verschlechtert sich bereits
Das Risiko ist nicht rein spekulativ, sondern messbar. Im Internet werden mittlerweile 57% der Anfragen automatisch und nicht mehr von Menschen gestellt. Ihre Website wird bereits häufiger von Maschinen als von Menschen aufgerufen. Noch beunruhigender ist, dass 85% der Markenerwähnungen in KI-Antworten aus Inhalten Dritter stammen (Foren, Enzyklopädien, Bewertungsplattformen …), über die Sie keine Kontrolle haben. Die Sichtbarkeit einer Marke hängt nicht mehr von ihrer eigenen Website ab, sondern davon, wie der Rest der Welt über sie spricht. Zum ersten Mal entzieht sich Ihre digitale Präsenz weitgehend Ihrer direkten Kontrolle.
Diese Transaktion ist der letzte Dominostein: Das ist Ihre Chance
Hier liegt das Paradoxon, das jede Führungskraft verstehen sollte: Die Produktsuche hat sich bereits auf KI verlagert – der sprunghafte Anstieg der KI-gesteuerten Besucherzahlen im Einzelhandel ist Beweis genug dafür. Dennoch bleibt der Kaufvorgang selbst nach wie vor überwiegend ein manueller und von Menschen gesteuerter Vorgang. Branchenbeobachter stellen fest, dass sich Käufer zwar zunehmend an Chatbots wenden, um Empfehlungen zu erhalten, die Plattformen jedoch nach wie vor nur ein geringes Volumen an Transaktionen verzeichnen, die tatsächlich über KI-Tools abgeschlossen werden. Derzeit hat sogar OpenAI den Fokus von ChatGPT wieder auf die Produktsuche verlagert und den Kaufvorgang zurück in die vernetzten Apps der Händler verlagert.
Ein Grund dafür ist, dass die Grundlagen noch immer geschaffen werden – inmitten eines sehr öffentlichen Streits um konkurrierende Standards. OpenAI und Stripe treiben das “Agentic Commerce Protocol” voran; Google fördert sein „Universal Commerce Protocol“; Amazon vermietet seine eigene agentische Shopping-Engine an andere Einzelhändler. Bislang hat sich noch kein einzelner Standard durchgesetzt. „Maschinenfähig“ zu sein, ist daher eine Wette auf Schienen, bei denen es noch keinen klaren Sieger gibt. Genau aus diesem Grund sind heute die Grundlagen wichtiger als die Funktionen. Die Transaktion ist der letzte Dominostein, der fällt, nicht der erste. Die Marken, die sich durchsetzen werden, sind nicht diejenigen, die überstürzt einen „Zur Kasse“-Button in einen Chatbot integriert haben, sondern jene, die still und leise ihre data, APIs und Prozesse vorbereitet haben, während sich die Standards festigen. Das Zeitfenster ist gerade deshalb offen, weil noch niemand die Transaktionsebene für sich entschieden hat.
Drei Arbeitsstränge, drei Zeitrahmen
Angesichts dieses Wendepunkts identifizieren wir drei sich ergänzende Arbeitsstränge, die jeweils einem bestimmten Handlungshorizont entsprechen:
1) Sichtbar und gut lesbar: GEO. Die generative Suchmaschinenoptimierung ist kein Ersatz für SEO, sondern baut darauf auf. Sie müssen zunächst in den Suchergebnissen erscheinen (SEO), dann in KI-Antworten (AEO) berücksichtigt werden und schließlich namentlich zitiert und empfohlen werden (GEO). Die kontraintuitive Wahrheit: Die erste Stufe können Sie nicht überspringen. Grob gesagt 92% der AI-Answer-Zitate stammen von Seiten, die bereits unter den ersten zehn rangieren. Ein LLM stützt sich auf zwei Quellen: sein Trainingsspeicher – eine „Black Box“, die alle drei bis achtzehn Monate aktualisiert wird und auf die eine Marke kaum Einfluss hat – sowie die Echtzeit-Websuche, in der der eigentliche Hebel liegt. Die Erstellung von Inhalten “maschinenlesbar” (semantisches HTML, strukturiertes JSON-LD data, präzise und aktuelle Produktinformationen) ist der schnellste Weg, dort präsent zu sein. Und Aktualität spielt eine Rolle, da Inhalte, die weniger als 90 Tage alt sind, mit etwa dreimal höherer Wahrscheinlichkeit zitiert werden. Die Schlussfolgerung der Experten: Sie schreiben nicht mehr für Menschen, die Texte überfliegen, sondern für Modelle, die Informationen extrahieren.
2) Funktionsfähig sein: Interoperabilität. Genau hier lauert die kostspieligste Falle. Die Versuchung ist groß, einen auffälligen, ausgefeilten Chatbot einzusetzen. Doch 80% des Werks ist nicht sichtbar: Die Grundlage dafür bilden: die System-API-ifizierung, das maschinenlesbare data sowie eine agentenbasierte Plattform mit Überwachung und Sicherheitsvorkehrungen. Die Bereitstellung eines Agenten innerhalb eines Portals wie ChatGPT dauert einige Tage; die Umsetzung eines Geschäftsprozesses, der tatsächlich maschinell ausgeführt werden kann, dauert hingegen Monate. Eine strategische Abzweigung ist bereits Realität: “Agent-Ready” entwickelt sich zu einem Produkt, das Plattformen Ihnen anbieten werden. Amazon bietet nun einen einbettbaren, agentenbasierten Einkaufsassistenten für Drittanbieter an, während Alexa um Funktionen zur Preisüberwachung und zum automatischen Kauf erweitert wurde. Diese Funktionen sind zwar praktisch, doch die Nutzung einer fremden agentenbasierten Ebene kann bedeuten, dass man die Kundenbeziehung selbst abgibt. Diese Entscheidung zwischen „Selbstentwicklung“ und „Zukauf“ gehört zu den folgenreichsten, die eine Marke in den nächsten achtzehn Monaten treffen wird.
3) Bevorzugte Wahl: Markenwert. Wenn ein Makler Dutzende von gleichermaßen “maschinenfähigen” Angeboten vergleicht, besteht das größte Risiko in der Kommodifizierung: allein aufgrund des Preises ausgewählt zu werden. Die einzige Abwehrmöglichkeit ist die Markenpräferenz: bereits in den Augen des Kunden als vertrauenswürdige Referenz zu gelten, noch bevor dieser die Entscheidung überhaupt delegiert. Das Interesse der Verbraucher ist bereits vorhanden: Die Nutzung generativer KI im Einkaufsbereich stieg innerhalb von weniger als einem Jahr um 35%, wobei Käufer KI zunehmend als direkten, objektiven und personalisierten Experten betrachten. Das Vertrauen verlagert sich; es verschwindet nicht.
Eine Überzeugung, die wir bereits in die Praxis umsetzen
Diese Grundsätze sind nicht rein theoretischer Natur. Bei Artefact entwickeln wir bereits interaktive Gesprächsabläufe mit Agenten für große Marken. In Zukunft werden Ihre Kunden keine Felder mehr ausfüllen, sondern mit Ihrer Marke oder mit einem Agenten sprechen, der in deren Namen auftritt.
Agentischer Handel ist keine Weiterentwicklung des E-Commerce, sondern eine Verlagerung des Entscheidungspunkts. Die Frage lautet nicht mehr: “Wie finden mich meine Kunden?”, sondern: “Werde ich ausgewählt, auch wenn ich nicht vor Ort bin?” Die Marken, die jetzt die Grundlagen schaffen – Sichtbarkeit, Interoperabilität, Präferenz –, werden die Regeln festlegen, an die sich alle anderen halten müssen.

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